Was Yoga nicht ist
Yoga ist keine Religion. Yoga ist keine Gymnastik und kein Sport. Und Yoga ist auch nicht einfach nur eine Methode zur Entspannung – obwohl all diese Dinge darin enthalten sein können.
Wenn wir heute von Yoga sprechen, denken die meisten Menschen wahrscheinlich zunächst an Körperhaltungen: an den herabschauenden Hund, den Sonnengruß, an Beweglichkeit, Kraft und Entspannung. Yoga findet auf einer Matte statt, vielleicht einmal pro Woche für neunzig Minuten. Es hilft gegen Rückenschmerzen, reduziert Stress und sorgt dafür, dass wir uns anschließend wohler fühlen. All das ist unglaublich wertvoll – doch es beschreibt nur einen kleinen Teil dessen, was Yoga ursprünglich umfasst.
Yoga ist ein ganzheitlicher und praxisbezogener Weg zu größerer psychischer Gesundheit und innerer Freiheit. Er bezieht den Körper ein, weil dieser ein untrennbarer Teil unseres Wesens ist, geht aber weit über die körperliche Ebene hinaus. Atem, Bewegung und Körperhaltungen können die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir uns selbst deutlicher wahrnehmen und eine bewusstere Beziehung zu uns entwickeln.
Körperliche Fitness ist, wie wir auch heute wissen, eine wichtige Voraussetzung für psychische Gesundheit, doch die eigentliche Praxis zeigt sich nicht darin, wie beweglich unser Körper ist, sondern darin, wie wir mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit den Herausforderungen unseres Lebens umgehen.
Eine äußerlich vollkommene Haltung ist deshalb bei weitem nicht unbedingt ein Ausdruck von Yoga. Ebenso kann ein Mensch, der keine komplizierten Āsanas ausführen kann, tief im Yoga verwurzelt sein. Geduld, Wahrhaftigkeit, Authentizität, Mitgefühl und Selbstreflexion gehören ebenso zum Yoga wie die Bereitschaft, den eigenen Schattenseiten bewusst zu begegnen. In diesem Sinne sind sie sogar wesentlichere Zeichen einer Yogapraxis als Kraft, Beweglichkeit oder Körperbeherrschung.
Das bedeutet nicht, dass die körperliche Praxis unwichtig wäre. Im Gegenteil: Der Körper kann zu einem unmittelbaren Zugang zu unserem inneren Erleben werden. In ihm zeigen sich Anspannung und Vertrauen, Widerstand und Hingabe, alte Schutzmuster und neue Möglichkeiten. Wenn wir lernen, den Körper nicht nur zu formen, sondern ihm zuzuhören und eine achtsame Beziehung zu ihm aufzubauen, kann Āsana zu einer wirklichen Yogapraxis werden.
Yoga beginnt also möglicherweise auf der Matte – aber er endet dort nicht. Um zu verstehen, was Yoga eigentlich ist, müssen wir tiefer gehen: zur Bedeutung des Wortes selbst, zu seinen philosophischen Grundlagen und zu seiner Erforschung von Geist, Bewusstsein und menschlichem Leiden.
Was bedeutet das Wort Yoga?
Das Sanskritwort *Yoga* kommt von der Sanskritwurzel „yuj“ und wird meist mit „Verbindung“, „Vereinigung“ oder „Einheit“ übersetzt. In der traditionellen Sanskritgrammatik werden jedoch zwei Bedeutungen unterschieden:
Yujir yoge bedeutet „verbinden“, „zusammenfügen“, „anjochen“ oder „vor einen Wagen spannen“. Das Bild dahinter ist das Anschirren von Pferden: Verschiedene Kräfte werden gesammelt und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet.
Yuj samādhau bedeutet „den Geist sammeln“, „konzentrieren“ oder „in meditative Versenkung führen“. Diese Bedeutung ist gerade für Patañjalis klassischen Yoga besonders wichtig. Yoga bezeichnet hier weniger eine Verschmelzung als einen Zustand tiefer innerer Sammlung und Klarheit.
Auch in uns Menschen wirken unterschiedliche Kräfte. Ein Teil möchte sich verändern, während ein anderer am Vertrauten festhält. Ein Anteil sucht Nähe, ein anderer schützt sich vor Verletzung. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen, Bedürfnisse und innere Überzeugungen können in verschiedene Richtungen ziehen.
Besonders nach belastenden Erfahrungen kann sich dieses innere Erleben fragmentiert anfühlen. Manche Gefühle oder Erinnerungen werden zurückgehalten oder abgespalten, während schützende Anteile versuchen, das alltägliche Leben aufrechtzuerhalten. Dadurch verlieren wir möglicherweise den Kontakt zu Teilen unseres Erlebens und damit zu dem Gefühl, ein zusammenhängender, ganzer Mensch zu sein.
In diesem Sinne lässt sich Yoga als ein Weg der inneren Integration verstehen. Die unterschiedlichen Anteile müssen nicht bekämpft oder zum Schweigen gebracht werden. Sie können wahrgenommen, verstanden und wieder in eine größere innere Ganzheit aufgenommen werden. Yoga bedeutet nicht, alle Unterschiede aufzulösen, sondern ihnen einen gemeinsamen inneren Raum zu geben.
Dabei werden Körper, Atem, Gefühle und Geist nicht als voneinander getrennte Bereiche betrachtet. Der Atem beeinflusst unser emotionales Erleben, Gedanken zeigen sich in der Haltung und Spannung des Körpers, und Bewegung kann Gefühle berühren, für die wir noch keine Worte besitzen. Yoga spricht den ganzen Menschen an und verbindet diese verschiedenen Ebenen miteinander.
Innere Ganzheit bedeutet jedoch nicht, immer harmonisch und widerspruchsfrei zu sein. Sie entsteht nicht dadurch, dass wir nur die ruhigen, liebevollen oder vermeintlich spirituellen Seiten unseres Wesens gelten lassen – das wäre eher eine Form spiritueller Vermeidung, des sogenannten *Spiritual Bypassing*. Ganzheit entsteht, wenn auch Angst, Wut, Verletzlichkeit und unsere schützenden Anteile einen Platz im Bewusstsein erhalten, ohne unser gesamtes Handeln bestimmen zu müssen.
Das Wort *Yoga* umfasst damit sowohl Verbindung und Integration als auch Sammlung und bewusste Ausrichtung. Vyāsa, der bekannteste klassische Kommentator der Yogasūtras, erklärt Yoga mit dem Begriff *Samādhi*: einem Zustand tiefer geistiger Sammlung, in dem die gewöhnliche Unruhe des Geistes zur Ruhe kommt und klares Erkennen möglich wird.
Yoga bedeutet daher genauer: „die verschiedenen Kräfte des Menschen sammeln, miteinander verbinden und bewusst ausrichten.“
Sāṃkhya und Yoga: Landkarte und Weg
Um den klassischen Yoga zu verstehen, müssen wir uns ein wenig mit Sāṃkhya beschäftigen. Sāṃkhya und Yoga gehören zu den sechs traditionellen philosophischen Systemen Indiens, den sogenannten Ṣaḍ Darśanas. Darśana bedeutet „Sichtweise“ oder „eine bestimmte Art, die Wirklichkeit zu betrachten“.
Die sechs Darśanas werden in drei Paare gegliedert:
Nyāya und Vaiśeṣika untersuchen Logik, Erkenntnis, Materie und die Gesetzmäßigkeiten der Welt. Sie bilden die wissenschaftlich-analytische Richtung.
Sāṃkhya und Yoga beschäftigen sich mit der menschlichen Psyche, den Ursachen des Leidens und dem Weg zur inneren Freiheit. Sie bilden die psychologisch-praktische Richtung.
Mīmāṃsā und Vedānta befassen sich mit dem richtigen Handeln, dem Göttlichen und der höchsten Wirklichkeit. Sie bilden die religiös-spirituelle und metaphysische Richtung.
Diese Einteilung in Wissenschaft, Psychologie und Religion ist nicht absolut. Die Bereiche lassen sich ebenso wenig vollständig voneinander trennen, wie der Mensch sich in einzelne, voneinander unabhängige Teile aufspalten lässt.
Die Yogasūtras von Patañjali – der klassische Text über Yoga – übernehmen einen großen Teil ihres Menschen- und Weltbildes aus dem Sāṃkhya und ergänzen es durch einen konkreten Übungsweg. Vereinfacht könnte man sagen: Sāṃkhya zeichnet die Landkarte, Yoga beschreibt den Weg.
Im Zentrum von Sāṃkhya steht die Unterscheidung zwischen Puruṣa und Prakṛti.
Puruṣa ist das reine, wahrnehmende Bewusstsein – der stille Zeuge aller körperlichen und geistigen Vorgänge. Es ist das in uns, das Gedanken, Gefühle und Erfahrungen wahrnimmt, ohne selbst ein Gedanke oder Gefühl zu sein. Puruṣa ist das männliche Prinzip des Kosmos.
Prakṛti ist die ursprüngliche Natur, das weibliche Prinzip. Zu ihr gehören sowohl die äußere Welt als auch unser Körper und unsere gesamte innere Erfahrungswelt: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Sinne, Persönlichkeit und das Empfinden eines individuellen Ichs. Alles, was wir fühlen und wahrnehmen können, gehört nach dem Sāṃkhya zu Prakṛti, der weiblichen Kraft.
Prakṛti wirkt durch drei Grundqualitäten – den drei Guṇas:
Sattva steht für Klarheit, Ausgeglichenheit und Erkenntnisfähigkeit – ein reguliertes Nervensystem und eine achtsame Präsenz.
Rajas steht für Bewegung, Aktivität, Begehren und Unruhe – ein aktivierter Sympathikus.
Tamas steht für Schwere, Stabilität, Begrenzung und Trägheit – vergleichbar mit einem dorsovagalen Zustand von Erstarrung, Rückzug oder innerem Abschalten, dem sogenannten Shutdown.
Keines der drei Guṇas ist nur gut oder schlecht. Ohne Rajas hätten wir keinen Antrieb, ohne Tamas keine Stabilität und Ruhe und ohne Sattva keine Klarheit. Körperliche und psychische Schwierigkeiten entstehen, wenn das Gleichgewicht verloren geht oder wir uns vollständig mit einem dieser wechselnden Zustände identifizieren.
Das ist nach Sāṃkhya die eigentliche Ursache unseres Leidens: Wir verwechseln unser wahrnehmendes Bewusstsein mit den Vorgängen unseres Körpers und Geistes. Wir denken: „Ich bin meine Angst. Ich bin mein Erfolg. Ich bin mein Körper. Ich bin meine Geschichte.“
Befreiung beginnt deshalb mit Viveka, der Fähigkeit zur Unterscheidung. Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen werden dabei nicht geleugnet oder abgewertet. Wir lernen, sie bewusst wahrzunehmen, ohne uns vollständig in ihnen zu verlieren.
An diesem Punkt setzt Yoga an. Es reicht nicht, diese Unterscheidung nur mit dem Verstand zu begreifen. Wir müssen sie erfahren – und genau das ist das Ziel der Yogapraxis. Es geht also nicht nur darum, körperlich immer stärker und beweglicher zu werden, sondern darum, die durch die körperliche Praxis freigesetzte emotionale Energie zu erfahren und umwandeln zu können.
Anders als das klassische Sāṃkhya bezieht Patañjalis Yoga außerdem Īśvara ein – ein reines Bewusstsein, das nicht von Leiden, Prägungen und den Folgen des Handelns berührt wird und das tief in uns genauso wie im allumfassenden Universum existiert – es ist also Gott genauso wie das eigene innere Selbst – der Ort an dem unsere innere Weisheit und Intuition entsteht. Die Hingabe – also das vollkommene Vertrauen – an Īśvara, (Īśvara-praṇidhāna), wird als ein besonders kraftvoller Weg zu diesem optimalen Zustand der Psyche beschrieben: die Kraft des absoluten Vertrauens in das Göttliche oder in die eigene innere Intuition, die göttliche Weisheit.
Das Ziel des klassischen Yoga ist Kaivalya: die Freiheit des Bewusstseins von seiner Verwechslung mit den Bewegungen des Geistes. Der Körper, die Persönlichkeit und unsere Gedanken verschwinden nicht. Wir erkennen jedoch, dass sie Erfahrungen sind – und nicht unser ganzes Wesen.
Sāṃkhya gibt uns damit eine Landkarte des menschlichen Daseins. Yoga zeigt uns, wie wir diesen Weg nicht nur verstehen, sondern gehen und mit unserem ganzen Wesen erfahren können.
Yoga als Psychologie
Yoga ist eines der ältesten psychologischen Systeme der Welt. Lange bevor es unsere moderne Psychologie gab, beschäftigten sich die Yogis mit der Frage, wie unsere Psyche funktioniert, warum wir leiden und wie wir uns von belastenden Gedanken und Verhaltensmustern lösen können.
Patañjali bezeichnet den gesamten inneren Raum aus Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen, Wahrnehmungen und Prägungen als Citta. Die Bewegungen – die Inhalte – darin, die von äusseren Erfahrungen getriggerte werden, nennt er Vṛttis. Wir können sie uns wie Wellen auf einem See vorstellen, die entstehen wenn ein Stein hineingeworfen wird. Solange die Oberfläche aufgewühlt ist, sehen wir nicht klar. Wenn die Wellen ruhiger werden, können wir erkennen, was tatsächlich da ist.
Diese Bewegungen entstehen nicht zufällig. Jede Erfahrung hinterlässt Spuren in uns, die im Yoga Saṃskāras genannt werden. Wiederholen sich bestimmte Erfahrungen oder Handlungen, entwickeln sich daraus tiefere Gewohnheiten und Neigungen. So entstehen Muster, die unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen, oft ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Patañjali beschreibt außerdem fünf grundlegende Ursachen seelischen Leidens, die Kleśas:
Avidyā ist das Nicht-Erkennen unserer wahren Natur: Wir denken wir sind getrennt von anderen, von der Umwelt und der Natur anstatt untrennbar damit verbunden.
Asmitā ist die Identifikation mit unserem Ich, unseren Gedanken und unseren Rollen die wir spielen.
Rāga ist das Festhalten an dem, was uns angenehm erscheint.
Dveṣa ist die Abwehr dessen, was unangenehm oder schmerzhaft ist, ein Widerstand gegen die Realität.
Abhiniveśa ist die tief sitzende Angst vor Verlust, Veränderung und Tod.
Diese Kräfte wirken in jedem Menschen. Wir wollen angenehme Erfahrungen festhalten und unangenehme vermeiden. Wir identifizieren uns mit unseren Gedanken, Gefühlen, Leistungen, Beziehungen und Geschichten und glauben, dass sie bestimmen, wer wir sind. Aus dieser unbewussten Identifikation entstehen viele unserer inneren Konflikte.
Yoga möchte diese Gedanken und Gefühle nicht unterdrücken. Es geht auch ganz sicher nicht darum, nur noch friedlich, positiv oder spirituell zu sein. Das wäre spirituelle Vermeidung. Vielmehr lernen wir, auch den unangenehmen Seiten unseres Erlebens bewusst zu begegnen: Angst, Wut, Trauer, Scham, Verletzlichkeit und innerem Widerstand.
Dabei arbeitet Yoga nicht nur über den Verstand. Unsere Erfahrungen und Schutzmuster sind ja vor allem im Körper verankert. Sie zeigen sich im Atem, in der Haltung, in Muskelspannungen und in der Art, wie wir uns bewegen. Durch Āsana, Atem, Konzentration und Meditation können diese Muster spürbar werden. Die dabei freigesetzte emotionale Energie kann wahrgenommen, ausgehalten und allmählich umgewandelt werden. Natürlich steht in allgemeinen Yogastunden Āsana selbst im Vordergrund und nicht die emotionalen Prozesse, die daraus aufsteigen können. Doch in therapeutischen Settings besteht hier ein riesiges Potenzial.
Mit der Zeit entsteht zwischen einem inneren Impuls und unserer Reaktion ein größerer Raum. Wir müssen nicht mehr automatisch jedem Gedanken glauben oder nach jedem Gefühl handeln. Wir können wahrnehmen, was gerade in uns geschieht, und bewusster entscheiden, wie wir damit umgehen möchten.
Auf diese Weise führt Yoga zu mehr Selbstkenntnis, innerer Klarheit und Freiheit. Wir erkennen unsere Muster, ohne uns mit ihnen zu verwechseln, und können ihnen mit Bewusstsein, Mitgefühl und Verantwortung begegnen.
Die fünf Vṛttis und die fünf Hirnfrequenzen
Patañjali unterscheidet fünf Arten geistiger Bewegung: richtiges Erkennen, Irrtum, Vorstellung, Schlaf und Erinnerung. Die moderne Hirnforschung beschreibt ebenfalls fünf grundlegende Frequenzbereiche: Beta für aktives Denken, Alpha für entspannte Wachheit, Theta für innere Bilder und Erinnerung, Delta für tiefen Schlaf und Gamma für komplexe Verarbeitung und Integration.
Beide Modelle lassen sich nicht direkt gleichsetzen: Die Vṛttis beschreiben, was der Geist tut, die Hirnfrequenzen, wie das Gehirn dabei arbeitet. Dennoch gibt es Parallelen: Nidrā lässt sich mit Delta vergleichen, Smṛti und Vikalpa mit Theta, während Pramāṇa und Viparyaya vor allem während aktiver Beta- und Gamma-Prozesse entstehen können. Alpha entspricht eher dem ruhigen, wachen Zustand, in dem wir unsere geistigen Bewegungen bewusst wahrnehmen können
Citta-vṛtti-nirodhaḥ – den Geist zur Ruhe bringen
Patañjali fasst das Ziel des Yoga in einem einzigen Satz zusammen: Yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ – Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Bewegungen des Geistes.
Damit ist nicht gemeint, Gedanken und Gefühle zu unterdrücken oder den Geist vollkommen leer zu machen. Nirodha bedeutet vielmehr, dass wir nicht mehr unbewusst von jeder inneren Bewegung mitgerissen werden, von äusseren Umständen oder von den Verhaltensweisen anderer Menschen getriggert werden. Gedanken und Gefühle dürfen auftauchen, ohne dass wir ihnen sofort glauben oder auf sie reagieren müssen.
Damit das möglich wird, braucht auch unser Nervensystem ausreichend Sicherheit und Stabilität. Āsana, Atem und Meditation helfen uns, innere Vorgänge wahrzunehmen und zu regulieren. So entsteht jener Raum zwischen Impuls und Reaktion, in dem wir frei und bewusst entscheiden können. Patañjali sagt im folgenden Sūtra: Dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.
Wissenschaft oder Spiritualität?
Im Yoga sind Wissenschaft und Spiritualität keine Gegensätze. Yoga kann als eine Wissenschaft des Bewusstseins verstanden werden, weil er keinen blinden Glauben verlangt. Er fordert uns auf, genau zu beobachten, regelmäßig zu üben und die beschriebenen Wirkungen in der eigenen Erfahrung zu überprüfen.
Die moderne Wissenschaft betrachtet diese Vorgänge von außen. Sie misst, was während der Yogapraxis im Gehirn, im Atem und im Nervensystem geschieht. Yoga erforscht dieselben Prozesse von innen: Wie fühlt sich ein bestimmter Zustand an? Welche Gedanken und Gefühle entstehen? Was verändert sich durch Atem, Bewegung, Konzentration und Meditation?
Doch Yoga geht über das hinaus, was messbar ist. Er stellt spirituelle Fragen: Wer bin ich jenseits meiner Gedanken, Rollen und Erfahrungen? Was ist Bewusstsein? Was gibt meinem Leben Sinn? Und gibt es eine größere Weisheit, der ich vertrauen kann?
Spiritualität bedeutet dabei nicht, an eine bestimmte Religion oder Gottesvorstellung zu glauben. Selbst die vielen Götter und Göttinnen des Hinduismus können hier als archetypische innere Kräfte gesehen werden, die zwar in ihrer Darstellung von der indischen Kultur gefärbt, in ihrer Symbolik jedoch nicht auf diese beschränkt sind.
Spiritualität in diesem Sinne bedeutet, sich mit den tieferen Ebenen des eigenen Seins und der Erfahrung von Verbundenheit auseinanderzusetzen. Für manche Menschen bedeutet dies Vertrauen in das Göttliche in all seinen symbolischen Formen, für andere Vertrauen in die eigene Intuition und innere Weisheit.
Wissenschaft kann uns erklären, was im Körper und Gehirn geschieht. Spiritualität hilft uns, diesen Erfahrungen Sinn zu geben. Yoga verbindet beides: genaue Beobachtung und persönliche Erfahrung, Körper und Bewusstsein, Wissen und Vertrauen.
Viele Wege des Yoga
Yoga ist nicht nur das, was Patañjali in den Yogasūtras beschreibt. Über viele Jahrhunderte haben sich unterschiedliche Yogawege entwickelt, die verschiedene Seiten des Menschen ansprechen, denn schon damals wurde von den Weisen anerkannt, dass es verschiedene Menschen mit verschiedenen Konstitutionen gibt.
Jñāna Yoga ist der Weg der Erkenntnis und der bewussten Unterscheidung. Er wird vor allem von intellektuell veranlagten Menschen gewählt, die sich mit den vedischen Schriften, philosophischen Erkenntnissen und der inneren Psychologie befassen. Es ist der wissenschaftliche Weg.
Bhakti Yoga ist der Weg der Liebe, Hingabe und Beziehung zum Göttlichen. Er spricht vor allem emotional veranlagte Menschen an. Es ist der spirituelle oder religiöse Weg.
Karma Yoga bedeutet, bewusst zu handeln, ohne sich an das Ergebnis des eigenen Tuns zu klammern. Es ist der aktive Weg der angewandten Psychologie.
Rāja Yoga – der königliche Weg – beinhaltet all diese Wege. Er arbeitet vor allem mit der Schulung und Transformation des Geistes durch Meditation und der letztendlichen Verkörperung der spirituellen Erfahrungen im täglichen Leben.
Haṭha Yoga bezieht den Körper, den Atem und die Lebensenergie stärker ein. Āsanas dienen hier nicht nur der körperlichen Gesundheit, sondern bereiten Körper und Nervensystem auf tiefere Meditation und Bewusstseinszustände vor. In tantrischen Traditionen wird auch der Körper nicht als Hindernis betrachtet, sondern als Ort, an dem Erkenntnis und Transformation stattfinden können.
Diese Wege schließen sich nicht gegenseitig aus. Ganzheitliches Yoga verbindet klares Erkennen, liebevolle Hingabe, bewusstes Handeln und verkörperte Erfahrung. Je nach Persönlichkeit und Lebensphase kann jedoch ein bestimmter Zugang stärker im Vordergrund stehen. Entscheidend ist nicht, welchen Yogaweg wir wählen, sondern ob er uns hilft, bewusster, freier und wahrhaftiger zu leben.
Der Körper als Spiegel der Psyche
Im Yoga sind Körper und Psyche nicht voneinander getrennt. Unsere Gedanken, Gefühle und Erfahrungen beeinflussen den Atem, die Muskelspannung, die Haltung und die Art, wie wir uns bewegen. Gleichzeitig wirkt auch der Zustand unseres Körpers auf unser psychisches Erleben zurück.
Genau damit beschäftigt sich die Psychosomatik. Psyche bedeutet Seele, Soma bedeutet Körper. Psychosomatisch heißt nicht, dass körperliche Beschwerden eingebildet oder selbst verschuldet sind. Es bedeutet, dass körperliche, emotionale und seelische Prozesse miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen.
Stress, Angst und unverarbeitete Erfahrungen können sich als Spannung, Unruhe, Erschöpfung oder Schmerz im Körper zeigen. Über Bewegung, Atem und bewusste Körperwahrnehmung können wir mit diesen tieferen Schichten unseres Erlebens in Kontakt kommen. Manchmal werden dabei Gefühle oder Erinnerungen spürbar, die zuvor keinen bewussten Ausdruck gefunden haben.
Āsana bedeutet dann nicht mehr nur, den Körper beweglicher oder kräftiger zu machen. Die körperliche Praxis wird zu einem Weg, dem Körper zuzuhören, seine Signale zu verstehen und festgehaltene emotionale Energie allmählich in Bewegung zu bringen. Gerade darin liegt das große psychosomatische und therapeutische Potenzial des Yoga.
Der Körper ist im Yoga also weder das eigentliche Ziel noch bloß ein Werkzeug. Er ist ein lebendiger Teil unseres Wesens und ein unmittelbarer Zugang zu unserer inneren Welt.